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Mindestens 230 000 Todesopfer forderte das Erdbeben vom 12. Januar in Haiti. Ein großer Teil der Bausubstanz von Port-au-Prince ist zerstört, mehr als eine Million Menschen sind obdachlos. Die Interamerikanische Entwicklungsbank bezeichnet das Erdbeben als teuerste Katastrophe der Moderne. Eine, nach der in Haiti nichts mehr so sein wird, wie es war – hoffentlich.


Koloniale Ausbeutung

Haiti war der Anfang. Die Erschließung der Neuen Welt begann 1492 mit der „Entdeckung“ der Antillen und damit Amerikas durch Christopher Kolumbus. Innerhalb weniger Jahrzehnte rotteten die Spanier die ansässige indigene Bevölkerung aus. Schon ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Sklaven aus Westafrika importiert. 1697 übernahmen die Franzosen den westlichen Teil der Insel Hispaniola. Saint-Domingue, wie er nun hieß, entwickelte sich schnell zur reichsten Kolonie Frankreichs. Vor allem der Zucker war es, der dazu diente die französische Staatskasse reich zu füllen. Ende des 18. Jahrhunderts war Saint-Domingue profitabler als alle 13 nordamerikanischen Kolonien zusammen. Dreiviertel des weltweit vertriebenen Zuckers kamen aus der Karibikkolonie. All der wirtschaftliche Reichtum wurde auf dem Rücken der versklavten Bevölkerung aufgebaut. Selbst für koloniale Maßstäbe war die Ausbeutung in Saint-Domingue außerordentlich brutal. Die Sklaven starben so schnell, dass der transatlantische Sklavenhandel zeitweise nicht mit der Lieferung neuer „menschlicher Ressourcen“ folgen konnte.

Zuckerplantage in Haiti

 
Die Revolution

Nach mehreren gescheiterten Aufständen schlossen sich 1791 Sklaven zu einer Rebellion zusammen. Unter der Führung von Toussaint L’Ouverture errungen sie die Vorherrschaft in Saint-Domingue. Die neuerfundene Republik Frankreich versuchte die Insel unter Auferbietung all ihrer militärischen Stärke wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Obwohl der in der französischen Revolution proklamierte universelle Anspruch der Menschenrechte mit der Existenz von Kolonien nicht vereinbar war, sah sich Frankreich nicht gewillt, die revolutionären Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf „ihre“ afrikanischen Sklaven anzuwenden. Die napoleonische Armee scheiterte und Jean-Jaques Dessalines rief 1804 die Republik Haiti aus – die erste Republik, die je aus einem von afrikanischen Sklaven geführten Unabhängigkeitskrieg hervorging. Nur hier kam es zu einer bedingungslosen Übertragung des Prinzips, das die anderen entscheidenden Revolutionen dieser Epoche, die französische und die US-amerikanische, beflügelte: das unveräußerliche freiheitliche Recht aller Menschen.

Die Haitianische Revolution


Isolation und erzwungene Reparationen

 Nach der Revolution war das wirtschaftlich einträgliche Plantagensystem zerstört und ein Drittel der Bevölkerung tot. Mit der auf die Republikgründung folgenden Isolation Haitis wurde ein Grundstein für seine wirtschaftliche Misere gelegt.
Die Existenz einer Nation ehemaliger Sklaven war eine nicht zu tolerierende Bedrohung für den status quo der sklavenhaltenden Staaten. Frankreich unter Charles X. verlangte für die Anerkennung Haitis einen hohen Preis: 150 Millionen Gold Franc (später auf 90 Millionen reduziert), für das durch die Revolution verlorene französische Eigentum, die Sklaven.1825, als Haiti kurz vor dem Staatsbankrott stand und eine erneute französische Invasion zu befürchten war, willigte man in die Zahlungen ein. Die Haitianer mussten so mit Geld bezahlen, was sie schon zuvor mit ihrem Blut gezahlt hatten, wie der französische Abolitionist Victor Schœlcher bald feststellte. Die Zahlungen beanspruchten einen Großteil des Staatsetats und wurden bis 1947, 122 Jahre lang also, geleistet. Um die Reparationen überhaupt zahlen zu können, war Haiti gezwungen Kredite bei französischen Privatbanken aufzunehmen. Zu der geleisteten Sklavenarbeit und den Reparationen kamen nun auch noch hohe Zinsen hinzu.
1833 erkannte Großbritannien Haiti an, die USA folgten erst 1862, nachdem sie selbst die Sklaverei abgeschafft hatten.


Die Besatzung

Die von den Marines zur Abschreckung ausgestellte Leiche des Guerillaführers Charlemagne Péralte

1915 besetzten die USA Haiti als Reaktion auf den weitreichenden wirtschaftlichen Einfluss der Deutschen. Die haitianische Verfassung wurde geändert, so dass nun auch Ausländer Besitzungen erwerben konnten. Dazu wurden ganze Landstriche enteignet. Allein im Norden wurden 50 000 Bauern ihrer bescheidenen Ackerflächen beraubt. Die USA übernahmen außerdem die Kontrolle über die Nationalbank von Haiti. Währenddessen bekämpften die amerikanischen Marinekorps den aufkeimenden Aufstand der haitianischen Bauern, der cacos, mit unerbitterter Härte. Einer der Führer des Aufstandes, Charlemagne Péralte, rief 1917 eine provisorische Regierung im Norden Haitis aus. Die Geschichte Haitis wiederholte sich allerdings einmal mehr: Peralté wurde von einem seiner Offiziere an die USA verraten. Er wurde ermordert und seine Leiche als Warnung an seine Gefolgsleute ausgestellt. Das Gegenteil wurde erreicht: Die Tatsache, dass sein Mord bildlich einer Kreuzigung ähnelte und er 33-jährig starb, führte zu Christus und Erlöservergleichen. Peralté wurde so zum Märtyrer. Tausende Todesopfer waren zu beklagen, bis die Marines 1934 das Land verließen.


Kleptokratie und Freihandel

Die Diktatur der Duvaliers (1957-1986), oft als brutalstes Regime in haitianischer Geschichte bezeichnet, wurde bis zuletzt von weiten Teilen der internationalen Gemeinschaft geduldet. Den USA beispielsweise war ein Diktator, der sich in Zeiten des Kalten Krieges als Kämpfer gegen den Kommunismus positionierte, lieber als ein zweiter Castro vor der Haustür.

 

„Papa Doc“ François Duvalier und „Baby Doc“ Jean-Claude Duvalier

 

Besonders Jean-Claude Duvalier, der das Amt des Präsidenten auf Lebenszeit nach dem Tod seines Vaters François erbte, machte sich im Ausland beliebt, indem er Haiti für neoliberale Reformen öffnete. Die Privatisierung staatlichen Eigentums nahm zu, Importzölle wurden beständig reduziert. Im Ergebnis überschwemmten importierte Waren das Land, die lokalen Bauern konnte nicht mithalten. Die Weichen für den internationalen Freihandel wurden gelegt, Sweatshops breiteten sich aus. Haitianer produzierten für Firmen wie Disney und K-Mart und wurden mit 11 US Cent pro Stunde entlohnt.

 

Einer der zahlreichen Textil-Sweatshops in Haiti

 

Die wirtschaftliche Katastrophe führte zu einer ökologischen. Die Wälder wurden abgeholzt und der Einzelne versuchte sich durch den Verkauf von Holzkohle über Wasser zu halten. Vom einstigen Wald in Haiti sind heute noch 2% übrig. Die Entwaldung wiederum führte zu Bodenerosionen.

Zusammen mit der internationalen Konkurrenz wurde dadurch der lokalen Landwirtschaft die Basis entzogen. Dies führte zu einer Landflucht, in deren Folge die Hauptstadt Port-au-Prince um mehr als das Doppelte anwuchs. Cité Soleil, Lasaline, Bel Air und andere Slums sind die Folge dieser Entwicklung.
1986 konnte die haitianische Bevölkerung die Misswirtschaft und Unterdrückung des Duvalierregimes nicht länger hinnehmen. Es kam zu massenhaften Aufständen, in deren Verlauf Duvalier entmachtet wurde. Er verließ in einer US-Air Force Maschine das Land, nachdem er vorausschauend ein letztes Mal die Staatskasse geplündert hatte. Ein US-Gericht stellte 1988 fest, dass Duvalier 504 Millionen US Dollar an öffentlichen Geldern veruntreut hatte. Davon sind noch heute 5,1 Millionen Euro auf Schweizer Bankkonten eingefroren. Das von Duvalier veruntreute Geld trägt zu 40% zum horrenden Schuldenberg Haitis bei. Cephas Lumina, UN-Experte für Außenverschuldung, hat die Unrechtmäßigkeit solcher „odious debts“ betont und drängt auf deren Nullierung.


Die Flut

Nachdem Duvalier aus dem Land vertrieben wurde, kam es zu einer politischen Wende. Seit langem herrschten die Interessen einer kleinen Elite und konservativ-militärischer Kräfte über das Schicksal der breiten haitianischen Massen. Nach Duvalier regierte der Militärgeneral Henry Namphy das Land.

Aus dem Widerstand gegen den von Namphy und seinen Nachfolgern betriebenen Duvalierismus ohne Duvalier entwickelte sich eine Graswurzelbewegung aus Bauernvereinen, Handelsunionen, und kirchlichen Gemeindegruppen, die das politische Klima Haitis bis heute prägt.

Jean Bertrand Aristide bei einer Predigt in der Saint Jean Bosco Kirche in Petionville, Haiti, September 1988

Unter Führung des Befreiungstheologen Jean Bertrand Aristide wurde sie zur Lavalasbewegung. Langsam aber beständig konnte die „Flut“, wie man Lavalas aus dem Kreolischen übersetzt, den politischen Partizipationsanspruch der bis dahin unterdrückten haitianischen Bevölkerung durchsetzen. Folgt man dem kanadischen Philosophen Peter Hallward, so vereinten sich unter Aristides Hand die politisch Sprachlosen in einem kollektiven Projekt sozialer Transformation. Es bot eine Alternative in einem Land, das wie kein zweites in Lateinamerika von sozialer Ungleichheit geprägt ist. 1% der Elite verfügt über mehr als die Hälfte des Eigentums. 1990, bei den ersten freien Wahlen Haitis, setzte sich Aristide bei einer Wahlbeteiligung von 80 % mit 67% der Stimmen gegen 11 Kandidaten durch.

Seine Wahl gilt heute als das wichtigste Ereignis moderner haitianischer Geschichte und wurde international als hoffnungsvoller Neubeginn nach jahrzehntelanger autokratischer Herrschaft begrüßt. Hinter der politischen Kulisse arbeiteten Lavalasgegner jedoch fortwährend gegen die gewählte Regierung. Schon im September 1991 kam es zu einem Staatsstreich, in dessen Verlauf Aristide das Land verlassen musste. 1994 wurde er von Bill Clinton wieder eingesetzt, allerdings unter diversen Vorgaben: komplette Amnestie für die Drahtzieher des Putsches und Anrechnung der Jahre im Exil auf Aristides Amtszeit. Außerdem musste er dem Internationalen Währungsfond weitreichende Zugeständnisse machen. Der Importzoll auf Reis wurde von 50% auf 3% gesenkt. Zuvor deckte Haiti seinen Bedarf zu 4/5 aus eigenem Anbau. Bald kontrollierten US-Firmen den Markt. Der daraus resultierende Preisverfall machte 40 000 Bauern arbeitslos. Heute wird 2/3 des Reisbedarfs importiert.

Nachdem Aristide 1995 – wie von den USA – vorgegeben abtrat, wurde sein Weggefährte René Préval zum Präsidenten gewählt. Bei der Wahl im Jahre 2000 kandidierte Aristide ein zweites Mal und erlang wiederholt die Mehrheit. Die Ergebnisse der Abstimmung, die von internationalen Wahlbeobachtern als „großer Erfolg“ beschrieben wurde, wurden von der Opposition für ungültig erklärt. Als Reaktion darauf blockierten die USA bereits genehmigte Kredite der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Auch nachdem die acht umstrittenen Sitze im Parlament freigegeben wurden, änderte sich nichts. Die für die wirtschaftliche Gesundung des Landes unabdingbaren Kredite wurden während Aristides gesamter Amtszeit nicht gewährt, so dass es ihm unmöglich war, sein Land von der „Misere in eine würdevolle Armut“ zu führen.

Das internationale Geld, das während dieser Zeit nach Haiti floss, kam zu einem großen Teil der politischen Opposition zu gute. Durch eine Vielzahl auf politische Destabilisierung zielende Aktionen war die Aristide infolge mehr schlecht als recht in der Lage das Land zu führen. Die Regierung stagnierte und war über einen langen Zeitraum unfähig, sich mit den sozialen Projekten zu beschäftigen, deren Versprechen sie ins Amt gehoben hatte. Vorwürfe der Menschenrechtsverletzung kamen hinzu. In der internationalen Wahrnehmung war aus der mit Nelson Mandela verglichenen „moralischen Autorität“ von einst ein „tyrannischer Autokrat“ geworden. In dieser Atmosphäre kam es 2004 zu einem erneuten Staatsstreich durch Paramilitärs. Dieses Mal war er offiziell getragen von den USA, Frankreich und Kanada. Aristide wurde im Februar 2004 nach eigener Aussage von US-Militärs zwangsexiliert. Gerald Latorture, Wirtschaftsexperte und ehemaliger UN-Mitarbeiter, wurde als Interimspräsident eingesetzt.


Die internationale Gemeinschaft

Nachdem die US-Truppen, die nach dem Putsch für Sicherheit sorgen wollten, abgezogen waren, wurde im Juni 2004 die UN-Mission MINUSTAH implementiert und hatte die selbe Aufgabe.
Im Verlauf ihres Mandats war sie mehrfach in Skandale um zivile Opfer verwickelt. Die UN wird von einem nicht zu unterschätzenden Teil der haitianischen Bevölkerung als Besatzer empfunden, der den Willen der oligarchischen Elite ausführe und Lavalasanhänger verfolge. Die Kritik an der UN-Mission kommt dabei keineswegs nur von außen, sondern ist auch in UN-Kreisen ein Thema.

MINUSTAH Operation in Cité Soleil

Der erste militärische Kommandant der  MINUSTAH, der brasilianische General Augusto Pereira bat nach einem Jahr um seine Amtsauslösung. Er wollte verhindern, im Nachhinein für Verbrechen an der Zivilbevölkerung belangt zu werden, die unter seinem Kommando und auf Druck der „revolutionären” Kräfte geschahen. Sein Nachfolger Urano Bacellar beging im Januar 2006 überraschend Selbstmord, nachdem er sich gegen die von ihm abverlangte „Reinigung von Cité Soleil”, dem größten Slum Port-au-Princes und Hochburg von Aristideanhängern, gewehrt hatte.

Demokratische Wahlen wurden zwei Jahre lang mit dem Verweis auf die instabile Sicherheitslage verschoben. 2006 wurde René Préval ein weiteres Mal zum Präsidenten gewählt und versucht seitdem unter unverändert schlechten Bedingungen die „Perle der Karibik“ zu regieren.


Ein Fluch?

Der französische Staatspräsident Sarkozy sah die Geberkonferenz der Freunde von Haiti nach dem Erdbeben als die Chance, „das Land von dem Fluch zu befreien, der seit Jahrhunderten auf ihm zu lasten scheint“. Er verklärt so die Geschichte seines eigenen Landes und die Haitis. Die elende Situation Haitis aber ist eine direkte Folge eines brutalen Systems kolonialer Ausbeutung, fortwährender neoliberaler Eingriffe und kleptokratischer Misswirtschaft.

2003, im Vorfeld des zweihundertjährigen Jubiläums der Republik, forderte Aristide von Frankreich die Rückzahlung der auf heutige Maßstäbe übertragenen 21 Milliarden US Dollar Reparationen. Frankreich bezeichnete die Forderungen als „aggressive Propaganda“, richtete aber dennoch eine Prüfkommission ein. Diese kam zu dem Schluss, dass der Anspruch nicht gerechtfertigt sei. Haitis Forderung stütze auf dem Argument der Unrechtmäßigkeit, da die junge Republik, der Gefahr der wiederholten Versklavung ausgesetzt, unter Militärgewalt zur Zahlung gezwungen wurde. Die juristische Grundlage der Forderung war die Tatsache, dass das französische Parlament 2001 Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt hatte. Gerichtliche Schritte wurden eingeleitet, es kam jedoch nie zu einer Verhandlung: Aristide wurde vorher gestürzt. Der Coup d’Etat wurde von Frankreich mitgetragen.


Die Chance

Durch das Erdbeben ist die desaströse Lage Haitis der internationalen Gemeinschaft unausweichlich vor Augen geführt worden. An ihr ist es nun, das Erbe der Geschichte anzunehmen und begangene Fehler zu korrigieren. Das bedeutet eine konsequente Fortführung der 2009 begonnenen Teilentschuldung Haitis durch die Interamerikanische Entwicklungsbank, den Internationalen Währungsfond und anderer Gläubiger, ohne mit jetzt geleisteter Katastrophenhilfe aufzurechnen. Die Rechtswidrigkeit der gezahlten Reparationen muss gerichtlich festgestellt und der französische Staat in die Pflicht genommen werden.
Nur so wird Haiti in der Lage sein, eine stabile Wirtschaft aufzubauen und sich von einem „Billiglohnparadies“ in ein Land weitgehender politischer und wirtschaftlicher Selbstbestimmung zu wandeln.

ORIGINAL: http://bertjensen.ch/haiti-oder-wie-man-katastrophen-macht/

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